Loo:topia

Ein Themenbeitrag
zur Sanitär- und Nährstoffwende
auf der re:publica 2022

Auf der re:publica 2022 gestalteten Akteuer:innen aus dem Feld der ressourcen-schonenden Sanitärversorgung und nachhaltigen Kreislaufwirtschaft gemeinsam einen Themenbeitrag zur Sanitär- und Nährstoffwende. Mit Loo:topia wollen wir einen vielfältigen Einstieg ins Thema zirkuläre Sanitär- und Nahrungssysteme ermöglichen. Wir wollen aufzeigen warum die Sanitär- und Nährstoffwende so wichtig sind, und wie die Umsetzung dieser Vision möglich ist.

Die re:publica Berlin ist das Festival für die digitale Gesellschaft und thematisiert Netzpolitik und Digitalisierung genau so wie Nachhaltigkeit und Wandel als gesellschaftliche Querschnitts-Themen. Die Konferenz fokussiert mit breitem Blick die großen Themen und Probleme der Zeit und ist die größte ihrer Art in Europa. Unter dem Motto “Any Way the Wind Blows” fand die re:publica dieses Jahr vom 8.-10. Juni 2022 in der Arena Berlin und dem Festsaal Kreuzberg statt.


Für die re:publica 2022 haben wir ein vielfältiges Programm entwickelt und präsentiert, mit Keynote & Lightning Talk, drei Panel-Diskussionen, zwei MeetUps und einem Tutorial sowie Installationen und Interventionen über die drei Konferenztage hinweg. Auf dieser Seite berichten wir über die Programmpunkte (in chronologischer Reihenfolge). Es folgt in naher Zukunft noch ein Link zu einer Fotogallerie. Das Programm-Plakat von Loo:topia ist hier archiviert.


Den Einstieg in Loo:topia machten am Mittwoch Nachmittag Lena Olvedi von Missoir und Katalin Gennburg, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhaus, mit ihrem MeetUp Peequality – free pee for you and me zum Thema Sanitärversorgung und Geschlechtergerechtigkeit.


How Poo Connects Humans to the Universe

Im folgenden Lightning Talk am Mittwoch Nachmittag führte uns die Wissenschaftlerin Anastasia Papangelou an das Thema Nährstoffkreisläufe und Sanitär heran, oder vielleicht besser, zusammen. Denn in dem Talk fokussierte sie sich vor allem darauf, wie das Defäkieren eine Verbindung aller Lebewesen zueinander darstellt: über Flusspferde, die ihre Schlafplätze suchen, weiter zu Walen und ihren Krabben-rosa Poo-Wölkchen, bis hin zu unserem heutigen Sanitärsystem.

How Poo Connects Humans to the Universe | Lightning Talk | English | Hier geht’s zum Talk auf Youtube.


How toilets connect the universe

Das anschließende Panel ging über zur Diskussion darum, wie wir gleichzeitig das Nachhaltigkeitsziel Nr. 6 „Sauberes Wasser und Sanitärversorgung für alle“ erreichen können, und dabei innerhalb der planetaren Grenzen zu handeln.

Anastasia Papangelou erklärte, dass es Ziel sein sollte synthetische Dünger abzulösen und ressourcen-effiziente Recyclingdünger aus menschlichen Ausscheidungen zu nutzen, um endliche Phosphor-Ressourcen zu schonen. Dass eine Sanitärwende nicht nur Nährstoff-Kreisläufe schließen, sondern auch Verschmutzung z.B. mit Arzneimittelrückständen eindämmen und Wasser und Energie sparen will und kann, erläuterte Ariane Krause, Projektkoordinatorin in zirkulierBAR. Vor dem Hintergrund der weltweit zunehmenden Trockenheit kann ein wasser-basiertes Sanitärsystem keine Sanitärversorgung für alle sein. Die dritte Panelistin, Lisa Deutsch, von der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs in der Schweiz, legte das Augenmerk auf die Bedeutung von Aufklärung und Demonstration durch Pilot- und Leuchtturm-Projekte. Außerdem betonte sie die Wichtigkeit transdisziplinärer Kollaboration bei der Entwicklung und Erweiterung alternativer Systeme.

How toilets connect the universe | Panel-Diskussion | English | Hier geht’s zur Video-Aufnahme des Panels. | Die Hintergrund-Folien der Paneldiskussion sind hier verfügbar.


Bottom up, pants down! Die Schöpfungskraft von partizipativer Planung am Beispiel des ecovillage hannover

In der ersten Panel-Runde am zweiten Tag der re:publica waren Vertreter:innen von ecovillage hannover e.G. zu Gast, ein Pilotprojekt, das vielleicht viele weitere inspirieren kann. Die im Oktober 2019 gegründete Wohnungsbau-Genossenschaft ist ein Modellprojekt für modernen, sozial-ökologischen Quartiersbau. Im Interessengebiet der Nährstoffwende ist vor allem das Wasserkonzept des ecovillage spannend. Das Ziel sei es langfristig möglichst abwasserfrei zu arbeiten und Kreisläufe lokal zu schließen, so der Planer Uwe Klaus. Das Ecovillage will ganzheitlich und ressourcenschonend funktionieren und arbeitet bei Planung nach dem Bottom- up- Prinzip. Das bedeutet – umgekehrt als „normal“ – dass die Nutzenden die Planenden bei der Erschaffung ihrer eigenen Vision beteiligen.

Bottom up, pants down! Die Schöpfungskraft von partizipativer Planung am Beispiel des ecovillage hannover | Panel-Diskussion | Deutsch | Die Folien dieser Paneldiskussion sind hier verfügbar.


Das große Geschäft: Sanitärwende in Deutschland und der Schweiz – wer und was steckt dahinter

In einem offenen MeetUp-Format konnten die Besucher:innen der re:publica am Donnerstag Nachmittag weitere Köpfe der Sanitär- und Nährstoffwende aus Deutschland und der Schweiz treffen. In zwei Grüppchen, die den Interessierten die Möglichkeit boten nochmals Fragen zu stellen und zu diskutieren, fiel schnell die Skepsis vor dem doch besonderen Themengebiet und es gab viel Neugier und vielversprechende Kontakte wurden geknüpft. Es war spürbar, dass auch Menschen außerhalb der Branche am liebsten sofort etwas verändert hätten.

Sprecher:innen:

  • Florian Augustin von Finizio – Future Sanitation 
  • Enno Schröder von Goldeimer
  • Nadège de Chambrier von VunaNexus
  • Louise Carpentier von Kompotoi
  • Carsten Beneker von Aquaplaner
  • Gerhild Bornemann vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt
  • Ayumi Matsuzaka & Christian Schloh von DYCLE

Moderatorinnen: Hannah Bergman vom Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) des Fraunhofer-Institutes für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und Ariane Krause (Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) e.V., Projektkoordination zirkulierBAR).

Das große Geschäft: Sanitärwende in Deutschland und der Schweiz – wer und was steckt dahinter | Meet Up | Deutsch


Vom Wert des Abwassers für die Sanitärwende

Am Abend des zweiten Tages gaben Dr. Sabine Hoffmann und Prof. Dr. Kai Udert, beide Forschende an der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs in der Schweiz, mit einer Keynote den wissenschaftlichen Überblick zum Thema Sanitärwende und zeigten im Detail das Zusammenwirken von Technik und Kooperation.

Anhand der Geschichte der Sanitärversorgung Paris‘ wurde aufgezeigt, dass der Wechsel von Kreislauf- zu Entsorgungsorientierter Sanitärversorgung weniger als 100 Jahre her ist. Noch 1926 recycelten die Wasserwerke von Paris fast 70% des Phosphors und über 40% des Stickstoffs aus dem kommunalen Abwasser. Am Beispiel Aurin, einem Urin- Dünger, der schon in der Schweiz und Österreich als Düngemittel zugelassen ist, zeigte Kai Udert auf, wie nun der Nährstoff-Kreislauf mit menschlichen Ausscheidungen wieder mit neuen Techniken praktisch geschlossen werden kann. Sabine Hoffmann legte das Augenmerk vor allem auf soziale Innovationen. Eine verstärkte Zusammenarbeit verschiedenster Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen wäre als treibende Kräfte notwendig.

Vom Wert des Abwassers | Keynote | Deutsch | Der Vortrag ist hier als Video verfügbar. | Die Folien sind hier verfügbar.


Nutrient Cycle – The Food Loop

Das anschließende Panel stellte drei Modelle der Rückgewinnung aus sanitären Abfallströmen vor und diskutierte die rechtlichen Implikationen. Die zwei vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Wissenschaftsprojekte „zirkulierBAR“ und „suskult“ stellen nachhaltige Alternativen des Sanitärensystems vor. zirkulierBAR setzt auf Trockentoiletten und sammelt die Exkremente somit quasi unverdünnt als Konzentrat, um daraus Recyclingkompost und -Flüssigdünger aus Urin herzustellen. Suskult nutzt das gereinigte Wasser der Kläranlage um damit eine vertikale Farm neben dem Klärwerk mit Nähstoffen zu versorgen.

Laut Aussage von Dr. Sandra Schwindenhammer, suskult, und Stephan Becker-Sonnenschien, zirkulierBAR, gibt es für die aufbereiteten und gereinigten Produkte aber noch keine Verkaufs- oder Nutzungsgenehmigung. Die Berliner Wasserwerke, vertreten durch Regina Gnirss, Leiterin Forschung und Entwicklung, bereiten auch Klärschlämme auf, um Phosphor zurückzugewinnen. Hier wird nach energieintensiver Bearbeitung Magnesium-Ammonium-Phosphat (MAP), auch Struvit genannt, als Produkt hergestellt, das bereits seit zwei Jahren an die Industrie vermarktet wird. Die Diskussion auf dem Panel wurde durch den EU Rechtsprofessor Prof Dr. Kai Purnhagen, Universität Bayreuth, zugespitzt. Er stellte fest, dass ein im Green Deal beschlossenes Kreislaufmodell auch einen Richtlinien Rahmen braucht, der die festgelegten Ziele ermöglicht. Und es sei schwer zu vermitteln, dass Wasserwerke verkaufen dürfen, alternative Systeme aber von diesem Markt ausgeschlossen sind. Hier muss Klarheit geschaffen werden. Entweder eine Klage anstrengen oder aber auch auf regionaler Ebenen im Rahmen der föderalen Subsidiarität Verordnungen durch die Verwaltung erlassen, die sozusagen „Bottom up“ einen Nutzung von alternativen Sanitärsystemen ermöglicht.

Nutrient Cycle – The Food Loop | Panel-Diskussion | Deutsch | Die spannende Diskussion ist hier auf youtube verfügbar.


Den Ausklang der Bühnen-Formate von Loo:topia bildete am Freitag Nachmittag das Tutorial Die Welt der Klos und Klos in der Welt – ein Blick über den eigenen Schüsselrand von Goldeimer.


Loo:topia KloMarkt der Möglichkeiten zur Sanitär- und Nährstoffwende

Als dauerhafte Installation über alle drei Veranstaltungstage gab es noch einen KloMarkt der Möglichkeiten zur Sanitär- und Nährstoffwende. Der KloMarkt war auf drei Standorte verteilt.

Zentraler Anlaufpunkt war der PeePaPoo-Garden. Hier gab es die Sanitär- und Nährstoffwende zum Anfassen und den ganzen Prozess des Nährstoff-kreislaufs auf einem Blick zu erleben: von Trockentoiletten zum selber nutzen, über eine solar-betriebene Aufbereitungsanlage für Urin bis hin zu Düngeversuchen mit Salat und Bildungsbeilage bis hin zu Tomaten für den Mars gab es einiges zu entdecken. Und für den eigenen kleinen Garten zu Hause gab es Düngerproben, Seedballs und Blumen als Goodies bei uns. Besonders gefragt war auch die knallgelbe Klo-Fotokabine.

Der zweite Stand des Klomarkts war ein Messestand zur zirkulären Nahrungsmittelproduktion in der Arena. Hier stellten sich die beteiligten BMBF-Projekte „Agrarsysteme der Zukunft“, „CUBES“ und „zirkulierBAR“ mit interaktivem Fernsehtisch und VR-Simulation.

Der dritte Ort war direkt beim Kids-Space, denn hier konnten sich nicht nur Eltern über die „Future Toilets for Babies“ in Form kompostierbarer Windeln informieren und diese auch gleich, sofern Baby dabei war, gleich ausprobieren.


Wir bedanken uns bei den vielen Besucher:innen der re:publica für ihr großes Interesse an Loo:topia.

Jetzt seid ihr dran. Erzählt das Gehörte, Gesehene, Gelernte weiter. Sprecht mit Politiker:innen, die ihr kennt. Tragt das Thema in die Breite.


Bei Loo:topia dabei waren: